Wort und Tat: Das beste Date ever … und was eine Woche später passierte

Wisst ihr noch, als ich vom besten Date des Jahres geschrieben hatte? Im Jahresrückblick? Naja, das neue Jahr 2021 hat mir ein neues bestes Date beschert. Letztes Wochenende. Er: Chefarzt und Wortkünstler. Ich: Lillie halt.

Er: “… Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“
Ich: “… durch des Frühlings holden, belebenden Blick.“
Er: „Im Tale grünet Hoffnungsglück.“
Ich: „Der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in rauhe Berge zurück.“
Er: „Von dort her sendet er, fliehend, nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises in Streifen über die grünende Flur.“
Ich: „Aber die Sonne duldet kein Weißes. Überall regt sich Bildung und Streben, alles will sie mit Farbe beleben …“
Er: „doch an Blumen fehlts im Revier. Sie nimmt geputzte Menschen dafür.“

Er hat mich zu Hause besucht. Das dritte Date. Ein schöner Spaziergang, bei dem ich Vögel zählte für den NABU, die „Stunde der Wintervögel“. Als wir Hand in Hand durch den Park gingen und den teilweise zugefrorenen Fluss sahen, begann er, Goethe zu zitieren. Siehe oben. Das hat mich so angemacht!

Wir hatten mit langen Briefen begonnen. Er hatte auf mein Profil bei einer Dating-Plattform geantwortet. Und es hat einfach von Anfang an geklickt. Die gleichen Träume. Die gleiche Vergangenheit. Der „Stallgeruch“. Alles da. Dachte Lillie. Ihr wisst ja, wie sehr ich auf kluge Männer stehe, die sich mit Literatur auskennen. Er war so ein Sätzevollender. Der wusste, was ich meinte, wenn ich irgend ein obskures Gedicht zitierte und damit ein Wortspiel machte. Er schrieb mir im Advent jeden Tag einen lange, langen Brief. Voll literarischer Zitate, die ich alle verstand. Einmal sprach ich davon, dass ich unruhig in den Alleen wandern wollte, aber nicht allein, sondern mit ihm. Da wusste er, dass ich Rilke meinte. Und Rilkes „Panther“ hatte er auch im Zoo für seine Kinder zitiert (fünf Söhne), so wie ich (ein Mädchen). Im selben Zoo. Konnte das Zufall sein? Schicksal, dachte ich, Schicksal.

Ich: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, …“
Er: „wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben …“
Ich: „und wird in den Alleen hin und her …“
Er: „unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Und dann? Nach unserem dritten Date hörte ich, wie er beim Rausgehen aus meiner Küche murmelte, dass meine Stadt und seine doch recht weit auseinander seien. Und am Montag danach war kein langer Brief in meinem Postkasten. Und auch nicht am Dienstag … oder am Mittwoch. Am Freitag schrieb ich ihm eine SMS und ahnte schon Schlimmes. Nichts. Am Samstag eine weitere, diesmal lustig, um es ihm leicht zu machen, mir zu antworten. Nichts. Und heute? Ich wandere einsam durch Alleen, in denen die Blätter von Schnee bedeckt sind. Und als ich nach Hause komme, findet Lillie den Abschiedbrief vor. Ich sei zu viel. Ich wolle zu viel. „Bitte antworte nicht“.

Sorry, dass ich eine Beziehung wollte, die mehr war, als sich einmal im Monat zu treffen. Sorry, dass ich Nähe wollte. Und warum stellst du dich mir nicht, du  kluger, wunderbarer, feiger Mann? Wem kann ich von meiner Enttäuschung erzählen? Auf Wiedersehen, Rilke-Liebhaber, Literaturkenner, Chefarzt ohne Zeit für eine Frau, die mehr braucht als nur einen Gedichte-Zitierer. Aber: danke für die vielen Briefe. „Es ist, wie es ist, …“ (Erich Fried).

Foto: Susanne Saker / Instragram: brutal_marburg

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