Wochenend-Verzweiflung: Was soll das, Jungs!?

Ein Gespenst geht um. Nein, es ist nicht das Gespenst des Kommunismus, wie es im Manifest der Kommunistischen Partei beschrieben wird. Und keine Krankheit. Aber nicht weniger ernst und schmerzhaft. Und sie betrifft meist nur Männer. Es ist … Trommelwirbel … die Wochenend-Verzweiflung, die unter Single-Männern um die 50 grassiert. Mit ein paar von ihnen ist Lillie befreundet. Und alle, ALLE, haben dasselbe Problem.

Meist kommen die ersten Anzeichen am Mittwoch, manchmal auch früher. „Was hast du eigentlich am Wochenende vor, Lillie? Soll ja schönes Wetter werden…“

Ah, klar, ich rieche Lunte. Das Wochenende naht. Und mit ihm die schlimmste und schmerzhafteste Zeit für alle Single-Männer, vor allem die, die kein Date haben. Wie bekommt man das leere Wochenende rum? Alle Serien schon geschaut? Alles schon abgewandert? Was kochen? Was tun? Arbeiten geht natürlich immer, aber Lust darauf haben glücklicherweise die Wenigsten. Und deshalb wird schon mal sondiert, was andere so machen.

Am Donnerstag werden die Symptome deutlicher. Einer fragt: „Nun erzähl doch mal, bist du zu Hause oder fährst du weg? Hast du Pläne? Wollen wir was zusammen machen … ich würde so gern mit einer Frau einen Kaffee trinken gehen. Kommst du mit?“ Ein anderer Single-Mann jammert: „Das ganze lange Wochenende, was soll ich nur tun? Keiner hat Zeit. Mein Pech-Wochenende! Und C. hat sich auch noch nicht gemeldet!“ (C. ist übrigens eine Frau und vielbeschäftigt. Ist wahrscheinlich einfach noch nicht dazugekommen, über’s Wochenende nachzudenken. Wie Lillie. Ist ja auch erst Donnerstag.)

Freitag. Entweder hat sich inzwischen was ergeben für die Single-Männer, dann erzählen sie fröhlich von ihren Dates und wo sie hinfahren und wie die Frau, die sie treffen, so aussieht und ist. Und manchmal auch, was sie so für Qualitäten hat. Und hoffentlich passt das Wetter. Und ob ich eine Wanderroute empfehlen könnte. „Schön,“ sagt Lillie, „viel Spaß dir und viel Glück.“ Oder aber die Datingportale haben kein Date hergegeben. Dann wird’s am persönlichsten. Ein dritter Single-Mann textet: „Hast du schon mal über Freudschaft Plus nachgedacht, Lillie? Oder einfach was zusammen machen? Ich koche auch für dich. Und lese dir vor.“ Oh, die Versuchung ist groß, Lillie liebt das ja, wenn ihr vorgelesen wird, vor allem tiefe gute Literatur mit einer sonoren Männerstimme. Und ein bisschen klassische Musik im Hintergrund.

Am Samstag wird’s dann am Deutlichsten. Der vierte Single-Mann meldet sich: „Bitte, hast du Zeit, ich muss dringend reden.“ Lillie fühlt sich wie die Mutter der Nation und ist versucht, zuzusagen. Einen Single-Mann kann man doch nicht alleine lassen! Schließlich sitzen wir alle im selben Boot. Dann fantasiert der Erste weiter: „Weißt du, ich würde so gerne mal mit dir in die Provence fahren. Lavendel riechen. Ein schönes Ferienhaus. Oder Ostsee. Was meinst du?“ Ach, Lillie verreist so gerne! Na ja, geht ja im Moment nicht. Und dann gehen vom zweiten Single-Kumpel schon die wochenendlichen Fotos auf dem Handy ein. „Schau mal, wo bin ich wohl? Würde jetzt gern mit wandern.“

Aber Lillie hat eigene Pläne. Lesen, Freundinnen treffen, zu Hause abhängen und einen Lillie-Pflege-Tag einlegen (Serie, Schokolade, Wein, Baden, Eincremen, Couch, Gesichtsmaske), sogar hin und wieder mal ein eigenes Date oder gar ein gemeinsames Wochenende mit einem gerade-nicht-Single-Mann. In dem Fall macht sie das Handy aus, schaut sich keine Suchbilder an und beantwortet keine traurigen, panischen, bittenden Texte ihrer liebsten männlichen Single-Kumpels. Und wenn sie dann am Montag den Rechner anschaltet, sind die entweder glücklich frisch verliebt (wenn sie ein Date hatten und es gut ausgegangen ist), total enttäuscht (wenn sie ein Date hatten und die Frau nicht gepasst hat), aber auf jeden Fall froh, dass das lange Wochenende vorbei ist. Und garantiert sind auch neue Nachrichten beim Datingportal eingegangen, denn alle Single-Männer, die am Wochenende nix gemacht haben, waren garantiert am Rechner.

Lillie fragt: „Ach, Jungs, habt ihr denn kein eigenes Leben, unabhängig von Frauen? Kommt doch erstmal alleine klar mit euch, dann wird’s vielleicht auch was mit einer Partnerin!“ Das sagt sie den liebsten Single-Kumpels natürlich nicht in’s Gesicht. Sondern hört sich froh die Wochenende-Geschichten an. Tröstet manchmal, ermutigt ganz oft. Freut sich mit. Aber sie weiß: Am Mittwoch geht’s auf in die nächste Runde der Wochenend-Verzweiflung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.