Rezepte für’s Ent-Lieben: Der Lebkuchenmann

Im Sommer, als ich mit Freundinnen und unseren Kinder Zelturlaub gemacht habe, sind wir einmal durch einen Fluss gewatet. Plötzlich sah ich, wie eine von uns stehenblieb. Sie zog so komisch die Schultern hoch, bewegte sich nicht mehr, schwankte nur noch ein wenig und breitete die Arme aus. Als ich ihr Gesicht sah, erkannte ich Tränen. Panikattacke? Ein paar von uns haben ihr geholfen, haben sie durch den Fluss zurück an’s Ufer geführt. Noch eine Weile saß sie am Ufer, bis sie sich beruhigt hatte. Aber nach ein paar Stunden, als die Kinder mit anderen Dingen beschäftigt waren, stupste sie mich in der Hängematte an: „Komm mit, ich muss da nochmal hin. Ich muss noch einmal durch das Wasser. Sonst werde ich immer Angst haben.“

Sie hat es noch einmal getan, meine starke Freundin, ganz alleine. Und als sie alleine einmal durch und einmal zurückgewatete war, standen wir am Ufer und haben sie mit offenen Armen empfangen. Eine große Freundinnenumarmung, und nun flossen bei allen die Tränen. So heilsam! So mutig! Sich der Angst stellen und sie bezwingen.

Das war auch der Sommer, in dem meine Freundinnen für mich da waren. Die Liebe meines Lebens hatte mich gerade verlassen. Ach, hat der Imker mein Herz gebrochen! Im November hatte ich ihn kennengelernt. Ein halbes Jahr waren wir zusammen, Liebe auf den ersten Blick und so, Liebe meines Lebens. Und dann war plötzlich Schluss. Im Sommer, beim Zelten, war ich nur wenige Kilometer weg von ihm. Ich habe seine Nähe gespürt. Schmerzhaft gespürt. Jeder Meter beim Zelten erinnerte mich an ihn: das Gartenhaus seines Lieblingskünstlers war in der Nähe; die Weinberge, von denen er seinen Wein bezieht, direkt vor‘m Zeltplatz; der Fluss, auf dem wir paddelten, führte ein paar Kilometer weiter durch seine Stadt. Oft habe ich in diesem Sommer meine Tränen den Fluss hinuntergeschickt, meine Liebe. Aber nichts kam zurück. Außer miese Emails. Und die Freundinnen haben mich getragen.

(Lillie ist manchmal noch traurig, obwohl der Jahrestag dann doch gar nicht so schlimm war wie gedacht, siehe mein Blogeintrag „Jahrestag“. Vielleicht wird Lillie’s Herz ja doch wieder heil?)

Meine Freundin zu beobachten, die sich ihrer Angst im Fluss stellte und sie besiegte, hat mir geholfen. So wollte ich es auch machen, beschloss ich in diesem Sommer. Und so habe ich mich dem Kummer gestellt. In den Dom, den meine große Liebe und ich einmal besucht hatten, ging ich noch einmal hinein. Das Gartenhaus des Künstlers besuchte ich zweimal und fotografierte und zeichnete es. Den steinzeitlichen Pfostenkreis auf dem Feld, wo meine Liebe und ich unseren ersten Spaziergang gemacht hatten, erwanderte ich mit den Kindern. Vom Wein der Weinberge, den er auch zu Hause stehen hat, trank ich mit meinen Freundinnen. Jeder Ort, den ich bisher mit ihm und mit uns verbunden hatte, bekam nun eine neue Erinnerung oben drauf. Eine heilsame und fröhliche. Eine sommerliche und leichte. Eine, die mit den Menschen zu tun hat, die mich nicht hängengelassen haben, sondern mich sogar noch lieben, wenn ich traurig und verheult und am Boden zerstört bin. Ha! Take that Imker!

Und jetzt, im Winter und kurz vor Weihnachten, habe ich mir eine weitere Aktion gegen den Kummer ausgedacht. Aus dem Honig, den der Imker mir vor einem Jahr schenkte, backe ich Lebkuchenmänner. Klar, ich werde ihnen auch den Kopf abbeißen, aber um diesen boshaften Akt geht es mir gar nicht, sondern darum, dass ich aus etwas Schmerzhaftem etwas Köstliches mache. So, wie ich aus den vielen Erinnerungen an meine große Liebe das Gute herausfiltern und behalten will. Süße Weihnachten!

Und hier ist mein Rezept:

375 g Honig, 375 g Zucker und 75 Butter in einem Kochtopf auflösen und gut umrühren. In eine Rührschüssel umfüllen und abkühlen lassen. Dann 750 g Mehl, 2 Eier, 3 EL Lebkuchengewürz, 2 EL Kakao, 1 gute Prise Salz und 1 1/2 TL Pottasche – aufgelöst in 3 EL Wasser – dazugeben und verkneten. Luftdicht verpackt mindestens einen Tag lang ruhen lassen. Dann ausrollen, ausstechen, bei 170 Grad etwa 20 Minuten backen, verzieren. Und den lieben Freundinnen schenken, die mir im Sommer gezeigt haben, dass das Leben trotz großem Liebeskummer lebenswert ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.