Loslassen

„Loslassen,“ schreie ich innerlich. „Lass mich los, schreibe mir nicht mehr, texte mir nicht, bitte keine Mails, Briefe, was auch immer. Lass mich einfach in Ruhe, weil ich sonst nur immer wieder an dich denke.“ Ich beruhige mich ein wenig und denke genau das Gegenteil: „Aber ich möchte so gerne von dir hören, wie es dir geht, was du tust, was du denkst. Vermisst du mich?“

Was für ein Dilemma. Ich denke da an einen bestimmten Mann in meinem Leben. Wie habe ich um ihn ge-heult, als er mich in die Wüste schickte. Habe wochenlang die Freundinnen belästigt mit meiner Heulerei und meinen Fragen. Fast zehn Kilo abgenommen vor Trauer, weil nichts mehr geschmeckt hat und Sinn ergab. Habe gefühlt hunderte Texte an ihn geschickt oder im Kopf welche geschrieben, die ich nie abgeschickt habe. „Nimm mich zurück! Warum willst du mich denn nicht mehr?“ Von ihm Schweigen. Oder hin und wieder Ablehnung.

Und dann wurde es besser. Ich habe Lebkuchen gebacken mit seinem Honig und sie genüsslich verspeist. Ich habe die Bilder weggeräumt, die alten Briefe verpackt und versteckt, die CDs mit unseren Liedern nicht mehr gehört. Der Jahrestag … da habe ich mich von ihm verabschiedet. Ihm innerlich zugeprostet und ‚Auf Wiedersehen‘ gesagt. War plötzlich wieder fröhlicher, aufgeschlossener, offener für die Welt und bin nicht mehr in meiner Traurigkeit versackt.

Und er? Plötzlich kamen neue Mails, neue Texte auf dem Handy. Fotos. Freundlichkeiten. Fünfmal ist es passiert, dass ich ein Date hatte und er genau dann, aber wirklich genau dann, Post an mich geschickt hat. Nie angerufen, nein. Aber Post, die ich hernach noch lesen konnte. Wie wusste er, dass ich gerade ein Date hatte? Wie konnte er ahnen, dass ich mich gerade in einen Anderen verliebte? Oder dachte, dass ich es vielleicht tun könnte. Warum triggerte er mich immer wieder an? Lillie muss zugeben: einmal habe ich mich sogar ein zweites Mal mit einem Mann verabredet, weil ich dachte, dass es wieder passiert und ich von IHM Post bekomme. Als ich den Mann verabschiedet hatte an der Tür (eigentlich wollte ich nix von dem Typen), rannte ich zum Rechner, um nachzuschauen, ob ein neuer Text vom Verflossenen da war.

Warum gibt es Menschen, die uns nicht wollen, uns aber auch nicht loslassen können? Hier sind ein paar Gründe, die ich mir zurecht gelegt habe:

– Er vermisst mich (sagt mein Kind).

– Er ist einsam (sagt ein Kumpel).

– Er will mich quälen und weiterhin wie an einem Gummiband festhalten (sagt meine Mutter).

– Er ist einfach doof (sagt eine Freundin).

– Er spürt durch die Schwingungen des Universums hindurch, dass ich mich anderen Männern zuwende (sagt eine andere).

– Wir hatten eben eine besondere Beziehung (sage ich, an guten Tagen).

Heute frage ich mich aber: sind nicht wir es, bin nicht ich es, die nicht loslassen kann und will? Auch dafür gibt es Gründe:

– Ich vermisse ihn, jedenfalls seine guten Seiten.

– Ich bin manchmal einsam.

– Wir hatten eine besondere Beziehung und er war der erste Mann nach dem ‚ersten Mann‘, mit dem ich wirklich eng verbunden war.

Oder alles durcheinander. Oh Mann, Lillie, was für ein emotionales Durcheinander. Wer kann das entwirren? Ah, Albert wahrscheinlich. Kopfmensch und Kumpel und Ratgeber in Liebesdingen.

„Albert, Hilfe, er will mich nicht loslassen. Oder ich ihn nicht! Was soll ich tun?“

“… naja, es gibt ja diesen Ansatz, dass sie alle einen Platz im Herzen haben … und da ist ja für mehrere Menschen Platz. Bei mir ist B. da und du, Lillie, und die eine oder andere weitere,“ sagt Albert ganz entspannt. „Bei anderen verblasst die Erinnerung halt, bei besonderen Menschen nicht.“

Aha. Klasse. Besondere Menschen. In meinem Herzen. Ein großes Wohnhaus mit mehreren Apartments, an das immer wieder angebaut werden kann. Klar, versteh ich.

Erweitert sich mein Herz mit jedem besonderen Mann, der dort Einzug hält, frage ich mich? Wahrscheinlich. Für wie viele ist da Platz? Und: Will ich das überhaupt? Ein großes Herz habe ich ja, aber wie viele können da tatsächlich wohnen neben Kindern, Mutter und der ‚Liebe meines Lebens‘, wer auch immer das sein mag? Will ich noch jemanden anderes reinlassen?

Hah! Zu viele Männer wollen Eintritt. Mein Herz mag groß sein, aber endlos ausdehnen lässt es sich nicht.  Lillie sagt: „Raus da!“ Oder „Lass nur die guten Erinnerungen bei mir, den Rest nimm’ste besser mit in deine eigene Räuberhöhle! Mein Herz ist nur für mich und für einige wenige andere. Nicht für dich, der du dich im letzten halben Jahr einen Dreck darum geschert hast, wie es meinem Herzen geht. Keine Wohnung für dich, Alter. Ich tu‘ was gegen Überbevölkerung! Loslassen! Und tschüss.“

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