„Ich habe heute leider keine Rose für dich“: Dating als Castingshow

Thomas Mann schreibt in „Der Tod in Venedig“: „Auch persönlich genommen ist ja die Kunst ein erhöhtes Leben. Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie gräbt in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginärer und geistiger Abenteuer und sie erzeugt … eine Verwöhntheit, Überfeinerung, Müdigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster Leidenschaften und Genüsse sie kaum hervorzubringen vermag.“

Okay, ich oute mich als Kunst- und Kulturliebhaberin. Ich lese Hesse and Mann, Allende und Irving, aber eben auch manchmal Bridget Jones, weil ich Bücher jeder Art verschlinge. „Der Tod in Venedig“ war zufällig mein Lesestoff auf dem Weg zum Date mit einem Künstler.

„Pass gut auf dich auf,“ hat Albert gesagt, als ich ihm von meinem Date erzählte. Was er meinte, wollte ich garnicht genau wissen, nachgefragt habe ich jedenfalls nicht. Vielleicht war er es auch leid, immer wieder von mir zu hören, dass es schiefgelaufen war und sich der nette Mann in real life als Missgriff herausstellte. Aber diesmal würde es anders sein, dachte ich, als ich losfuhr. So überzeugt war ich von dem Schöngeist, der mich nach einer Stunde Zugfahrt in meiner Lieblingsstadt erwarten würde.

Ach, wie hat sein Schreiben per SMS und auf dem Datingportal mich angemacht (das des Künstlers, nicht das von Thomas Mann). Er kannte das Präteritum und wusste es richtig anzuwenden! Ich war begeistert ob seiner Eloquenz. Er nutze Begriffe, die ich auch benutze, und – wie ich bislang dachte – nur ich.

Und es war das perfekte Date. Wie ich es mir immer gewünscht hatte. Schöne Formulierungen, tiefe Gedanken, abgearbeitete Bildhauerhände, blaue tiefe Augen und die Spuren imaginärer und geistiger Abenteuer im Antlitz, wie sie Thomas Mann beschreibt. Tiefe Gespräche, ein ähnlicher Kunstgeschmack, tiefe Blicke von meinen Augen in seine und umgekehrt. Anderthalb Stunden das Beste.

Bis wir auf unsere Pläne für die nächsten Tage und Wochen kamen. Plötzlich fand ich mich nämlich nicht nur dem Schöngeist und Genussmenschen, sondern dem Bachelor gegenüber. Oder war ich Teil einer Castingshow? Der Blauäugige zählte mir auf, wen er noch beim Datingportal getroffen hatte und in welcher Reihenfolge er die klugen Damen daten würde. Eine Woche in Berlin mit Kandidatin Nr. 1, zwei Dates mit Lehrerinnen (Kandidatinnen Nr. 2 und 3), eine Ärztin sei auch noch zu treffen (Kandidatin Nr. 4) und auch die Frau, mit der er bisher gelebt habe, sei noch im Rennen. Unklar war mir, auf welchem Platz der Castingshow ich landen würde. Und wollte ich überhaupt mitmachen?

Plötzlich blieb mir meine Eloquenz im Halse stecken. Und ich fragte mich: Ist das Frechheit, übersteigertes Selbstbewusstsein oder einfach nur totale Ehrlichkeit? Auf dem Weg nach Hause – Thomas Manns Gustav Aschenbach war schon in Betrachtung des schönen Tadzio an der Seuche in Venedig gestorben – überlegte ich noch, ob mein Künstler nicht recht hatte und seine Ehrlichkeit nicht hochzuloben sei. Wer über 50 ist und noch einmal neu anfangen will, handelt vielleicht immer so: Menschen vorauswählen und treffen, den einen ablehnen, den anderen in die nächste Runde weiterkommen lassen, am Ende sich die beste Rosine im Kuchen auswählen.

Erschreckend und faszinierend war das zugleich. Leichter wäre es gewesen, wenn mir das Antlitz ausschweifendster Leidenschaften und Genüsse nicht so gefallen hätte. Würde ich Kandidatin Nr. 1 werden wollen? Oder ist frau in diesem Alter vielleicht doch nicht mehr bereit für diese Art von Veranstaltung und Konkurrenzkampf? Mag ich noch einmal hören: „Ich habe leider keine Rose für dich?“ Ich weiß: ich dreh‘ den Spieß einfach um und verteile die Rosen selbst! Klopf an meine Tür, schöner Tadzio, und dann entscheide ich, ob ich dir den Schlüssel für mein Herz gebe.

Foto: Uwe Wagschal  / pixelio.de