„Hättest, solltest, könntest“: Ratschläge vom Ex

Ich renne ganz verzweifelt zu Albert. „Mein Ex hat geschrieben. Mit Bild. Wenn er mich nur endlich in Ruhe lassen würde.“ Ich habe wahrscheinlich einen richtig roten Kopf vor Ärger.

Albert versucht zu deeskalieren. „Was hat er denn geschrieben, meine Ärmste?“

„Ärgern will er mich. Quälen! Stell dir vor, er hat mir ein Bild und einen Link geschickt. Von seinen neuen Sextoys. Aber was interessiert mich das? Ich will, dass das aufhört!“ Albert sieht mich ein bisschen streng an über seinen oberen Brillenrand. Ich drehe wohl wieder mal ein bisschen am Rad.

So richtig habe ich nie rausgefunden, was bei mir und dem Ex eigentlich passiert war. Gründe für die Trennung nannte er mir einige. Zu viele wahrscheinlich, um ihm alles zu glauben. Wenn mich die Freundinnen fragen, behaupte ich immer, dass es vorbei sei, ganz vorbei, ganz und gar. Und dass ich nie wieder was von ihm will. Und dass er definitiv nicht richtig ist für mich. Ich mime die Starke. Nur Albert hat mich auch mal jammern hören. Dass mir mein Ex noch regelmäßig Nachrichten schreibt. Belangloses oft, manchmal aber auch solche Sachen wie die mit den Toys. Das Schlimme: ich antworte und schreibe meist zurück. Doof, oder? Tja, da muss sich Lillie wohl mal an die eigene Nase fassen. Da reißt mich Albert aus meinen trüben Gedanken.

„Und nun?“ Offene Frage, psychologisch geschickt. Ich soll reden und dann die Antwort für mich finden. Ich durchschaue das Spiel, Albert, aber ich bin noch nicht bereit, eine Lösung zu finden. Will noch meckern. Ich sage: „Weißt du, was das Allerschlimmste ist? Er meint, diese Toys könnte ich doch meinem neuen Freund empfehlen.“

„Aha, Ratschläge vom Ex, vermeintlich gut gemeint,“ doziert Albert. „Macht eine meiner Ex auch manchmal.“ Er guckt verständnisvoll.

„Aber das war ja nicht das erste Mal,“ jammere ich mich aus. „Dass es mit dem neuen Mann sowieso nichts würde, schrieb er mir kürzlich. Und dass ich mein Leben verändern solle, damit es mit jemandem klappt. Und dass ich selbstbewusster werden müsste. Denn das wäre doch der Grund gewesen, warum er nichts mehr von mir wollte. Und dass ich nicht so starrsinnig sein solle. Und keine Prinzipienreiterin. Und dies nicht und das nicht. Und überhaupt. Ich war wahrscheinlich total falsch.“ Albert schaut mich betroffen an.

„Warum machen die das? Warum geben uns die Exe gute Ratschläge? Und warum hören wir überhaupt zu,“ fragt er.

„Müsste man eigentlich in Gänsefüßchen setzen. ‚Gute Ratschläge‘ also,“ sage ich, nun wütend. „Ratschläge, nach denen man sich noch beschissener fühlt als sowieso schon. Da hat man sich gerade selbst am Zopf aus dem Sumpf gezogen, da denkt man, man hat es geschafft. Und dann so eine ‚GUTER RATSCHLAG‘.“ Ich werde laut.

Und Albert: „Die treten nur nach …“

Und ich: „Die wollen uns zurück …?“

Und er: „Ach Quatsch, die sind einfach nur gemein.“

Und ich: „Bösartig.“

Und er: „Die wollen uns quälen.“

Und ich: „Oder sind sie einsam?“

Stille. Albert und ich schauen uns an. Ich hänge den Erinnerung an den Ex nach, den ich wohl nicht ganz loslassen kann. Jetzt ist es fast ein Jahr her, dass er mich in die Wüste geschickt hat. Und manchmal tut es eben noch mal verdammt weh. Aber das spreche ich nicht laut aus. Natürlich nicht. Da bin ich doch viel zu selbstbewusst. Oder sollte ich das auch in Gänsefüßchen schreiben?

„Was würdest du mir raten, Albert,“ frage ich.

„Achte dich selbst,“ sagt er. „Und werde glücklich,“ fügt er leise hinzu. Dabei legt er mir seine Pranke zart auf die Schulter. Mir wird warm. Ich lächele gerührt. Mein Albert. Mein Kumpel. Der kann so ein Frauenversteher sein, so sensibel und genau mit den richtigen Worten, wenn es drauf ankommt. So ein zarter und feinfühliger Mann!

„UND VERPISS DICH FÜR IMMER AUS MEINEM LEBEN UND AUS MEINEN GEDANKEN,“ brüllt Albert mit seinem starken sonoren Bariton. Ich erschrecke. Die Wände wackeln. Ach, er meint garnicht mich, puh, Gott sei Dank! Aber der Ex hat’s hoffentlich gehört, 100 Kilometer weiter nördlich.

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