Freundschaft Plus: Ein Rezept gegen Einsamkeit?

„Albert,“ fange ich an, „kann ich dich mal was fragen?“

„Jaaa,“ sagt Albert, dabei höre ich schon, wie er das ‚a‘ ganz lang zieht, was manchmal so ein bisschen genervt klingt, „Jaaa, Lillie?“

„Was hältst du eigentlich von Freundschaft Plus?“ Ich schaue ihn an, und dann, als er die Augenbrauen hochzieht und das Kinn so zwei Zentimeter zurückzieht, gucke ich betreten auf den Boden. Huch, da habe ich ihn wohl verschreckt, den lieben Albert. Ich halte die Luft an.

„Gerne, wann hast du denn Zeit? Das kommende Wochenende?“ Albert grinst nun schelmisch, als ich ihm überrascht ins Gesicht schaue. Na, diese Antwort hatte ich jetzt nicht erwartet!

„Nee, nee, stammle ich. Ich meinte so generell. Was hältst du davon? Hast du das schon mal gemacht?“ Ich spüre förmlich, wie ich zurück rudere. Ob das für unsere Freundschaft gut wäre, wenn (nochmal) Sex dazu kommt? Da bin ich mir nicht sicher. Außerdem wollte ich EINMAL im Leben einen One Night Stand haben, den hatte ich mit ihm. Wenn jetzt daraus noch Freundschaft Plus wird, muss ich den One Night Stand ja wieder streichen. Hm.

„Ja, hatte ich,“ antwortet er.

Da schau einmal an, der Albert. Wer hätte das gedacht. Kommt so solide und irgendwie ein wenig konservativ rüber mit seinen karrierten Hemden und seiner Vorliebe für klassische Musik. Und dann das. Ich werde neugierig. „Erzähl mal, Albert. Wann war das und wie hat das funktioniert?“

Er erzählt: Ach, das ist schon eine Weile her… wir waren beide auf der Suche nach einer Beziehung, hatten zwei Dates, und dann hat sie bei mir übernachtet, dann ist das mit dem Sex passiert. Am nächsten Morgen fragte sie dann, was wir hier machen… uns war beiden klar, dass es für eine Beziehung nicht reichen wird. Aber dennoch war da diese Lust, also haben wir uns wieder getroffen. Wir waren wandern, haben was gegessen, geknutscht und geliebt… nach einigen Wochen war es dann aber vorbei, die hatte jemanden kennengelernt…

„Aber hat das nicht eure Freundschaft zerstört?“ Ich frage das, weil ich einmal etwas Ähnliches versucht hatte. Ein guter Kumpel von mir, nennen wir ihn Luke, der mir fast wie ein Bruder vorkam. Einer, der sich durch eine ähnliche ScheißLiebesGeschichte kämpfte wie ich im letzten Sommer. Wir beide litten zur selben Zeit, stellten wir fest. Kämpften gegen den Schmerz der Trennung. Und gegen die Einsamkeit. Und eines Abends, nach einer durchquatschten und durchzechten Kneipennacht vor dem letzten Lockdown, landeten wir im selben Bett. Nichts passierte. Nicht mal ein Kuss. Nur Händchenhalten. Dass er nicht frei sei, hatte Luke gesagt. Und doch hat er bei mir übernachtet. In meinem Bett. Ich hatte damals mehr gewollt, aber, wenn ich es mir recht überlege, hatte es sich auch für mich nicht gut angefühlt. Ich wollte Nähe von ihm. Die Leere auffüllen. Den Wärmespeicher. Sex war da nicht nötig. Einfach nur in den Armen eines Menschen schlafen, der mich mochte und ein Stück Leben mit mir teilte. Nur dumm, dass es trotzdem komisch war danach. Eine Woche haben wir nicht miteinander gesprochen, weil wir nicht wussten, wie wir damit und miteinander umgehen sollten. Dann wurde es besser und wir wurden wieder Freunde. Erleichterung bei uns beiden. Doch dann hat sich das Ganze noch zweimal wiederholt. Lange Nacht, viel gequatscht, gemeinsames Bett, Händchenhalten, Freundschaft auf der Kippe. Das letzte Mal vor zwei Wochen. Wir haben seitdem nur einmal kurz telefoniert. Ich vermisse Luke so. Und unsere Freundschaft. Die ist mir wichtiger als das „Plus“. Definitiv.

Albert sieht wohl, dass ich in Gedanken bin. „Man braucht schon gewisse Voraussetzungen für Freundschaft Plus. Nämlich: Man sollte aus dem ganzen kein Problem machen, einfach die Gemeinsamkeit genießen. Und es dürfen keine Gefühle in Richtung Liebe aufkommen. Sonst klappt es nicht.“ Klingt logisch. Das hatte ich mit Luke wohl nicht bedacht. Wir hatten vorher nicht drüber gesprochen, keine Abmachungen getroffen. So ein blöder Mix aus Freundschaft und Lust und Suche nach Wärme. Ungut. Bauchmensch und Kopfmensch vermischt. Ich lächle zurück. Das muss ich wohl mit Luke klären. Vor dem Anruf ist mir bange.

„Und, wie ist es nun mit uns und dem nächsten Wochenende? Wir könnten zusammen kochen…? Und spazieren gehen …? Und, wenn du willst, lese ich dir vor…?“ Albert grinst jetzt wieder. Ein bisschen anzüglich, wie mir scheint. Will der mich auf den Arm nehmen?

„Du willst mich echt rumkriegen, oder?“ schlage ich zurück und setze meine Kämpferinnen-Miene auf.

„Nur wenn du das auch willst, Lillie. Du entscheidest. Aber ich würde schon gerne an dich gekuschelt einschlafen. Vielleicht mit meiner Hand auf deiner Haut.“ Jetzt wird er butterweich.

Ach, Albert. Klar, ich lasse mir das offen. So ein gemeinsamer Abend mit Kochen und Vorlesen und Wärme wäre schon schön… Aber ich will doch nicht, dass es mit dir so komisch wird wie mit Luke! Mit dir soll es doch keine wochenlange Funkstille geben! Das würde ich nur schwer aushalten können.