Exotik oder Stallgeruch?

Nicht, dass man sich rational entscheiden könnte, in wen man sich verliebt. Manchmal passiert das das beim ersten Treffen, manchmal erst nach langem Kennenlernen (Wisst ihr noch, Mädels: „Tausend Mal berührt, tausendmal ist nichts passiert, tausendundeine Nacht und es hat Boom gemacht“ oder so ähnlich?). Und beim Vorstellungsgespräch entscheiden ja sogar die ersten 17 Sekunden darüber, ob man genommen wird oder nicht – sagt zumindest eine psychologische Studie.

Ich frage mich schon, welche Männer ich im Laufe meines Lebens attraktiv fand. Das Gegenteil von mir oder eher jemanden, der mir ähnlich war? Ich habe festgestellt: es lag an meinem Lebensalter. Und wie sich das ausgewirkt hat … das bezog sich komischerweise nicht nur auf die Attraktivität der jeweiligen Männer, sondern auch auf alles mögliche andere.

Darf ich vorstellen: Lillie mit 20. Die wollte auf keinen Fall zu Hause bleiben. Auf keinen Fall so werden wie die Eltern. Auf jeden Fall alles anders machen. Auf jeden Fall die Welt sehen. Nur raus. Nur weg. Und die Mauer, die gerade gefallen war, war auch in meinem Kopf gefallen. Umzug in ein neues Land, neue Interessen, das Bunteste und Ausgefallenste musste es sein. Alles ausprobieren, exotisches Essen, rauchen, Tattoo stech…, nein, soweit ging es dann doch nicht (glücklicherweise, denn es war die Zeit der Arschgeweihe). Entsprechend ausgefallen war auch mein Geschmack, was Männer betraf. Es sollte keiner aus dem Heimatland sein oder gar aus meinem Heimatort. Brrr. igitt! Und es sollte möglichst einer sein, der ganz anders war als alle Männer, die ich vorher gekannt hatte. Künstler, verrückt, anderer Kulturkreis mit anderen Erfahrungen und Geschichten. Alles sich erklären müssen, alles neu verstehen, so vieles neu kennenlernen. Aufregend!!! Und einen davon habe ich dann auch geheiratet. Und fand auch das Übersetzen-müssen von einer Kultur in die andere die längste Zeit ausgeprochen spannend.

Darf ich vorstellen: Lillie mit 50 … äh … 35 meinte ich natürlich und keinen Tag älter. Die will Heimat finden. Ihre Wurzeln stärken, um neu zu erblühen. Aber dabei natürlich auch das Bunte und Schöne im Leben weiter suchen. Nur die alte Wanderlust ist eben etwas weniger geworden. Muss nicht mehr mit einem billigen Mietauto durch die USA fahren und nachts auf Tankstellen parken und auch noch auf dem Autositz schlafen. Muss mich nicht mehr ins windsichere kleinste ergodynamische Zelt quetschen und in der Wildnis zelten ohne heiße Dusche hin und wieder. Muss nicht mehr zwei Wochen lang ausschließlich Marmeladenbrot essen, um Geld zu sparen. Dass ich kein Arschgeweih habe, darüber bin ich jetzt froh. Und mit dem veränderten Blick auf das Leben hat sich auch mein Männergeschmack verändert. Ich mag nicht mehr alles erklären müssen, was mich ausmacht und zu der gemacht hat, die ich bin. Ich mag es jetzt, einen Mann zu treffen, der  Bausoldat war oder Wehrdienstverweigerer und weiß, was das bedeutet. Ich mag es, wenn ich frage: „Und wo warst du am 9. November 1989?“, und seine Augen beginnen zu strahlen. Ich mag es, wenn er noch weiß, was er sich für’s erste Westgeld gekauft hat, so wie ich es noch weiß (by the way, es war … große Überraschung … ein Buch). Ein Dresden-Akzent macht mich komischerweise an heutzutage.

In meinem reifen Alter sage ich also:„Ein Hoch auf den Stallgeruch!“