Der Jahrestag

Wer schon einmal CNN gesehen hat, kennt die rot eingeblendete Überschrift rechts oben: „Graphic Images“. Heißt: nicht hingucken, wenn man kein Blut sehen kann. (Aber wir zeigen es natürlich, bist selbst schuld, wenn du dir das ansiehst.) Mein Blogbeitrag heute ist genauso: wenn du was Lustiges erwartest, lies nicht weiter. Heute ist ehrlich.

Ich sitze auf meinem Balkon. Bei 8 Grad und Herbstschatten. Der 9. November. Ein geschichts-trächtiger Tag in vielerlei Hinsicht. Meine persönliche ScheißLiebesGeschichte begann aber auch an einem 9. November. Letztes Jahr. Der Mann, der mein Herz gestohlen hatte, den ich so intensiv geliebt habe wie nie einen davor und – ich fürchte – auch nie einen danach, den habe ich an diesem Tag zum ersten Mal gesehen. Lillie, dachte ich mir, das ist er. Sofortige Verbindung, sofortiges Verstehen, sofortiger Stallgeruch und um Lillie war es geschehen. Kopf verloren, Herz verloren, Verstand geraubt. Droge, der Mann.

Dann vier Monate paradisische Zustände. Gedicht auf dem Handy am Morgen, Märchen vorgelesen am Abend. Postkarten geschickt, drei oder vier die Woche. Blumen. Ja, ja, ihr hört richtig. Das sind nicht Dinge, die Lillie für ihren Liebsten getan hat, sondern die Lillie von ihrem Liebsten bekommen hat. Oh, habe ich mich gesonnt in dieser Liebe. Endlich einer, der mich kennt und genau weiß, was ich möchte, liebe, brauche. Alles hat gestimmt. Und nun stellt euch vor, dass ich diesen letzten Satz noch einmal mit sexy tiefer Stimme sage: „ALLES hat gestimmt, A-L-L-E-S.“

Dann kam der Frühling und die Misere begann, aber nicht, dass ich das bemerkt hätte. Ich: noch immer megaverliebt. Er: selbstständiger Handwerker, die Arbeitssaison kam. Und mit ihr die Veränderung. Wenn wir früher Kultur genossen haben, zusammen gekocht haben, geilen Sex hatten, stundenlang erzählt haben, wurde es jetzt anders. Schleichend. Die Wochenenden wurden mit Arbeit gefüllt. Mit Forderungen. Und denen konnte ich bald nicht mehr entsprechen.

Dann der Knall. Will ich garnicht drüber reden. Im Juli. Böse Worte. Lillie nahm ihren Koffer und reiste mitten in der Nacht ab. Mit dem öffentlichen Nahverkehr, der natürlich in dieser Nacht Schienenersatzverkehr hatte. Scheiße.

Dann Monate des Wartens, Diskutierens, der Stille. Kontaktabbruch von seiner Seite. Ende des Lebens von Lillie, gefühlt jedenfalls. Glücklicherweise waren da die Freundinnen. Und Schokolade. Die ich aber nicht essen konnte, weil ich so verdammt gelitten habe. Zehn Kilo abgenommen vor Kummer. Sommer der Schmerzen. Sommer der Freundinnenliebe, die alles getragen haben. Corona egal – Herzschmerz schlimmer.

Im Herbst verzweifelte Versuche, mich selbst wieder zu finden. Männer. Suchen. Verlieren. Schmerzen. Jedesmal, wenn ich einen hatte, habe ich hinterher gedacht: „Ach, ich wollte, dass es mein Handwerker gewesen wäre.“ „Äh, Albert, Kumpel, liest Du mit? Wenn ja, bei Dir war das natürlich was anderes … da habe ich nur an Dich gedacht!“

Und dann ist ein Jahr rum. Ich sitze auf dem kalten Balkon und überlege. Ich hatte mir gewünscht, dass wir zusammen hier sitzen, mein Handwerker und ich, und auf das Jahr anstoßen. „Unser erstes gemeinsames Jahr,“ hätte ich gesagt und „heirate mich!“ Aber er ist nicht da. Nur ich und der Weißwein und die Herbstschatten. Und wisst ihr was? Ich habe an diesem Jahrestag zum ersten Mal gemerkt, dass es nicht mehr so wehtut. Ich denke zurück an die guten Zeiten, und wenn ich an die schlechten denke, sage ich leise: „Du Blödmann! Du hast mich so verletzt.“ Und heute, am 9. November, proste ich nicht ihm zu. Und das ist nicht schlimm. Ich proste dem Leben zu und allem, was ich im letzten Jahr gelernt habe. „Le Chaim,“ wie die Juden sagen, „auf das Leben“. ScheißLiebesGeschichte, aber das Leben siegt.

Foto: Susanne Saker

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