Daten in Zeiten von Corona: Was ist mit dem Kuss?

„Du machst was?“ fragt mich meine Freundin, als ich ihr erzählte, dass ich heute ein Date habe. Ihre Augen werden groß wie das runde rote Virus, das Tag für Tag über unsere Bildschirme geistert. „Ein Date? Bist du verrückt? Küssen in Zeiten von Corona? Wir leben in einer Pandemie!“

Erschrocken halte ich inne in meinem Redefluss und denke an die wieder erhöhten Fallzahlen, die ich heute Morgen in der Presse gesehen habe. Ich bin alleinerziehende Mutter und außerdem allein verantwortlich für meine eigene Mutter, die in mehr als einer Sache zu einer Risikogruppe gehört. Oh, oh, kann ich das wirklich verantworten? Still beiße ich erstmal in die Schokolade, die mir meine Freundin reicht.

Ich gebe zu, seit Beginn der Pandemie habe ich verschiedene Männer geküsst. Nicht alle hatte ich gekannt. Von keinem hatte ich einen negativen Coronatest verlangt, damit er in mein Risikogebiet Mund einreisen darf. Hatte ich mir die Pandemie in den Körper eingeladen? Und wie machen das andere? Ich frage meinen Single-Kumpel.

Der sagt: „Küssen ist schön, Küssen ist wichtig… und ich küsse ja nicht jeden.“ Da meinte er sicher „jede“, aber na ja. So ist er. Ich weiß schon, wie er das gemeint hat und grinse innerlich, denn er steht total auf Frauen. „Und es ist auch eine Risiko-Abwägung… und sicher auch eine Vertrauensfrage“, fährt er fort. „Wenn ich selber erkältet bin, vermeide ich generell Körperkontakt, sowohl innerhalb der Familie, aber auch mit Bekannten und Freunden.“ Na, da bin ich ja schonmal beruhigt, denn ihn hatte ich vor Wochen auch mal geküsst. Die Corona-Frage war mir dabei ehrlich gesagt nicht in den Sinn gekommen. Gut, dass er so ein Kopfmensch ist, denke ich. Und das höre ich auch raus, als er weiter ausführt. „Und ja, dann auch bei einem Date, wobei man bei möglichen Symptomen einer Infektion generell auf ein Date verzichten sollte… wenn aber beide Datepartner sicher sind, dass sie nicht infiziert sind, dann sollte man auf das Wundervolle eines Kusses nicht verzichten… dann sollte einem Corona nicht in den Sinn kommen…“ Kopfmensch hoch vier! Aber ja, genauso war’s bei mir gewesen, als ich ihn vor Wochen geküsst hatte, denke ich, ein wenig bauchmenschlich verträumt, und erinnere mich an seine Küsse. Das Wundervolle seines Kusses, äh, eines Kusses, meine ich. Mmmmh!

„Hey, schau mich an, woran denkst du gerade,“ fährt mich meine Freundin an. „An einen Kuss, oder? Nimm die Schokostange aus dem Mund!“ Mann, da war ich gedanklich wohl deutlich woanders gewesen. „Was machst du heute abend nun? Küss den Kerl nur nicht, kennst du den überhaupt?“ Nein, denke ich und schlucke. Hat sie vielleicht recht? „Wir werden nur reden. Nur einen Kaffee trinken“, erwidere ich schüchtern. Sie komplimentiert mich hinaus. „Das hoffe ich,“ sagt sie noch. „Ein richtiges Date heutzutage kann nicht mehr als ein Interview sein, so wie bei einem Interview für einen Job.“

Vier Stunden später stehe ich mit meinem Date vor dem Cafe und knutsche, aber die Stimme meiner Freundin habe ich – zusammen mit seiner Zunge – trotzdem noch in meinem Ohr.

Foto: Susanne Saker / Instragram: brutal_marburg

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